
Meine Lieben
Wie lange leben Sie ohne Verbindung zu Ihrem Kind? Der Kontakt zwischen mir und meinem Sohn ist vor 17 Jahren abgebrochen. Wenn ich Ihnen jetzt diesen Brief schreibe, konnte ich schon eine Weile üben, damit zu leben.
Kürzlich brach während einer Meditation der tiefe Schmerz um den Verlust erneut auf. Als die Welle der Trauer irgendwann wieder versiegte, fühlte ich mich so müde, als hätte ich schwere Arbeit erledigt.
»Lass die Gefühle zu, der Sturm zieht vorüber,« sagte ich mir. Den Schmerz lasse ich zu, pflegen will ich ihn nicht.
Wer einen geliebten Menschen verloren hat, weiss, dass einen die Trauer jederzeit auf dem falschen Fuss erwischen kann. Da kommen wir nicht umhin. Die Gefühle sind weder vorhersehbar noch kontrollierbar. Aber man kann Situationen meiden, die den Schmerz befeuern. Wenn ich an einer Bäckerei vorbei gehe, wo wir immer Eis geschleckt haben, sage ich mir:
»Ah, da bin ich wieder. Das war schön, als ich meinem Kind ein Eis kaufen konnte,«… und lasse die Sehnsucht ziehen.
Vielleicht sind auch Sie zur Überzeugung gekommen, dass wir als Mutter oder Vater, auch beim besten Willen, vieles nicht hätten anders machen können. Wir haben unser Bestes versucht, und im Nachhinein gesehen, dass nicht alles gut war. Schönreden müssen wir unsere Fehler nicht, uns endlos mit Fehlern in der Vergangenheit quälen auch nicht. Seien wir einfach ehrlich und demütig – und gehen aufrechten Ganges weiter. Wir haben vieles gut und einiges falsch gemacht.
Den Entscheid unserer Kinder, die ihre Wege ganz ohne uns gehen wollen, werden wir nie ganz verstehen können. Deshalb wünsche ich Ihnen, und allen verlassenen Eltern und Geschwister, dass Sie sich aus dem Knäuel von destruktiven Gedanken und Gefühlen befreien können.
Heute sage ich in meinen frei flottierenden Selbstgesprächen zu Menschen, die sich abwenden:
»Unser Kontakt tut dir nicht gut. Ok, ich habe verstanden. Anderes ist dir wichtiger. So lebe ein gutes Leben.« Aufdrängen will ich mich nicht, um Anerkennung betteln und um Liebe buhlen schon gar nicht – auch nicht in Gedanken. Dabei fühle ich natürlich ein bisschen Trotz und Wehmut.
Hinter der Sehnsucht nach dem Verlorenen habe ich die Sehnsucht nach dem Göttlichen entdeckt. Dem möchte ich mich zuwenden. Auch Sie können herausfinden, was Sie vom Schmerz um das Kind abhalten könnte.
Sie haben schon so viel gelitten. Ich wünsche Ihnen, dass Sie ins Reine kommen mit der Absage ihrer Kinder an Sie. Sie werden kaum jemals ohne Schmerz darüber sein. Aber Sie sind mehr als eine verlassene Mutter, oder ein verlassener Vater.
Ihr Kind hat sich entschieden. Auch Sie können neue Entscheidungen treffen und Ihre Sehnsucht auf neues Wesentliches richten. Das ist keine Entscheidung gegen das Kind. Vielleicht eher eine Befreiung aus der Macht, die die verlorenen Kinder mit ihrer Unversöhnlichkeit ausüben.
Es gibt etwas ausserhalb der persönlichen Bindungen mit eigenen Kindern.
Ich wünsche Ihnen viele erfüllte Momente in dieser Zeit. Und ich wünsche allen Kindern, die ihre Eltern offenbar so gar nicht ertragen können und wollen, dass sie sich selbst ertragen und ein gutes Leben haben.
Mir unbekannt, doch tief mit Ihnen verbunden grüsse ich Sie von Herzen
Ihre Irina Bach.