Vorab: Ein Tagpfauenauge im März entstand am Nachmittag des 20. Märzes 2026. Versunken in das Schreiben realisierte ich nicht sofort, dass mein Mann noch nicht da ist. Er ist nicht mehr gekommen. Von seinen Grosskindern herkommend, ist er von seinem grünen Rad in Gottes Arme gefallen. Ich habe meine grosse Liebe verloren. Mir kommt vor, als hätte Andreas mir in seinem Sterben einige Gedanken eingeflüstert.

Es ist ein strahlender Frühlingstag, der 19. März 2026. Noch wandern wir in Winterjacke und mit Mütze, denn der Nordwind dämpft die warmen Temperaturen. Vor uns flattert ein Tagpfauenauge. Von der kalten Bise unbeeindruckt begleitet es uns über eine lange Strecke. Der Schmetterling muss in einer Baumhöhle überwintert haben. Nun spenden ihm die ersten Weidenkätzchen und der Huflattich Nahrung. Bald wird er an die Unterseite von jungen Brennnesseltrieben seine Eier ablegen. Aus den stacheligen Raupen werden im Frühsommer neue Schmetterlinge schlüpfen, einige den Herbst nicht überleben, andere überwintern.
Faszinierend ist das Leben des Schmetterlings. Ein Ei wird zur Raupe, dann zur Puppe, daraus schlüpft ein Falter hervor. Leicht schwebt er durch die Lüfte, verwöhnt von Duft und Farben, bewundert von Freunden der Natur, nichtsahnend von der kurzen Lebenszeit – aus menschlicher Sicht. Der Schmetterling erheitert uns. Seine leuchtenden Farben beglücken für einen Moment jedes noch so düstere Leben, auf verhärmte Gesichter zaubert er ein Lächeln, seine Leichtigkeit lässt die Erdenschwere vergessen. Wer möchte nicht als Eisenhut Besuch von einem Schmetterling erhalten oder als Brennnessel eine Lieblingspflanze für diese zarten Wesen sein – und bei Gefahr mit einem brennenden Saft ein drohendes Unheil vertreiben. Wer möchte nicht (manchmal), wie ein Schmetterling das Schöne erhaschen, hier und dort gucken, nicht bleiben müssen, immer weiter, auf zu neuer Schönheit, ohne Gefühl von Verlust, Bedauern und Schuld. Frei sein von den Lasten des Lebens.
Ein Schmetterling im Frühling erinnert uns daran, Kälte überleben zu können. Er steht für die Hoffnung, nach einer Ruhephase neue Nahrung zu finden, Neues zu schaffen und neue Freude zu bringen. Und wir erkennen, dass das Wachsen von etwas Schönem seine Zeit braucht. Keine KI bringt ein Ei auf der Brennnessel schneller zum Wachsen. Eine Raupe wird kein besserer Falter, wenn sie sich vollfrisst und anderen nichts übriglässt. Die Verwandlung vom Ei zum bunten Schmetterling kann sich kein Mensch ausgedacht haben. Sie ist Ausdruck eines Plans von höherer Warte. Ein Geschenk Gottes.
Ein Tagpfauenauge im März lässt uns an den vergangenen Sommer denken und Vorfreude auf neue Fülle aufkommen. Ein Schmetterling erinnert uns in seiner Zartheit an die Fragilität des eigenen Lebens und die Vergänglichkeit. Das Leben eines Falters ist kurz, ein Hauch im All, unverfügbar. Und unser eigenes Leben?
Ich bewundere im Frühling die Schönheit des Zitronenfalters und im Sommer den Schwalbenschwanz. Wenn sie wieder da sind, still, aber unübersehbar, empfinde ich ein Glücksgefühl. In diesem Moment ist die Welt in Ordnung, ein neuer Sommer bahnt sich an und in mir ist es heiter.
Ein Schmetterling berührt die Seele und erinnert still und leise an den Wandel zu jeder Zeit und überall. Er ist ein Zeichen der steten Erneuerung jeglichen Lebens. Er symbolisiert Hoffnung und Freiheit.
Frei sein
Manchmal möchte ich
von Schönheit umgeben
durch die Tage schweben,
mich fühlen wie ein Schmetterling,
bewundert und geliebt.
Nach stiller Verwandlung
sehne ich mich,
möchte frei und leicht
zum Himmel schweben,
dem Neuen zu.
Noch dreh ich meine Runden
angezogen von der Erdenschwere.
Im Schmetterling erahne ich
das unbekannte Sein,
das ganz andere.