
Wer kennt nicht dieses Sehnen, wenn jemand fehlt – wenn eine geliebte Person sich entfernt hat, oder verstorben ist, ein Ort des Wohlbefindens nicht mehr erreichbar ist, die Katze nicht mehr kommt. Die Wehmut über Verlorenes kann einen urplötzlich überfallen. Dieses schmerzhafte Gefühl ist die Kehrseite der tiefen Verbindung zu etwas Bedeutsamem.
Ich vermisse einen Sohn. Die Funkstille zwischen uns dauert schon über siebzehn Jahre. Wenn ich an der Bäckerei vorbeispaziere, wo ich mit ihm Torte gegessen habe, fühle ich noch immer den Stich im Herzen. Und ich vermisse meinen verstorbenen Mann. Der Gedanke, dass wir nie mehr zusammen über unsere Kinder sprechen können, oder über Karl Barth bringt mich zum Weinen.
In den Erinnerungen grübeln
Die guten Erinnerungen können schmerzen, weil das Erinnerte vergangen ist, die schlechten plagen, weil daran nichts mehr zu ändern ist.
Im Falle meines verlorenen Sohnes hatte das Erinnern oft den Charakter von Grübeln. Das Brüten über Vergangenes hat Gefühle von Schuld, Wertlosigkeit und Versagen genährt. Noch nach Jahren bedauerte ich Verpasstes und nicht mehr Mögliches. Ich sehnte mich nach Gelegenheiten, um Verkehrtes richtigstellen können. Die Unmöglichkeit von Klärungen hat mich zur Gefangenen meiner Grübeleien gemacht und mich viel Lebensfreude gekostet.
Was ich vermisse
Mich betrübt, dass ich am Leben eines geliebten Menschen, der auf dieser Erde herumspaziert, keinen Anteil habe, nichts mit ihm teilen kann. Wir haben weder eine gemeinsame Gegenwart noch Zukunft. Ich war mir (fast) sicher, dass wir Geburtstage oder Weihnachten oft gemeinsam feiern würden, harmonisch notabene. Wäre das so? Würde mein verlorener Sohn Weihnachten nicht lieber in der Bar einer Grossstadt verbringen wollen? Würde er mir denn Enkelkinder bescheren? Wären unsere Kontakte so stressfrei wie in meinen Vorstellungen? Würde er mir aus seinem Leben erzählen, oder mich besuchen, wenn ich im Spital liege?
Zukunftsvisionen von Eltern über sich und die Kinder sind (Wunsch)Bilder. Das gilt für alle Kinder. Situationen können sich rasch und unerwartet ändern. Nicht alle elterlichen Vorstellungen werden wahr.
Wenn ein tragischer Verlust uns trifft, vermissen wir im Grunde unsere Vorstellungen, Träume, Wünsche über eine gemeinsame Zukunft. Keine Mutter, kein Vater kann wissen, wie das Leben mit dem verlorenen Kind weitergegangen wäre, welche Herausforderungen auf sie zugekommen wären. Auch nicht welches Glück. Eines ist gewiss: Die Zukunft ist anders als die Fantasien darüber. Und die Sicht auf die gemeinsame Vergangenheit verändert sich.
Gelegentlich frage ich mich, wie die Begegnungen mit meinem Sohn verlaufen würden, wenn wir erneut Kontakt hätten. Könnte ich offen und locker sein? Unsere Beziehung hat sich in den Jahren der Distanz nicht entwickelt. Gut möglich, dass die alten Gefühle und Einstellungen noch immer da sind. Vielleicht würde er die Situation anders sehen. Ich weiss es nicht.
»Mache dir keine Vorstellungen«, sage ich mir, wenn ich mich in quälenden Tagträumen verliere. Sie tun mir nicht gut.
Kürzlich hat mir eine Brieffreundin aus Deutschland geschrieben, wie schmerzhaft das Zusammentreffen mit ihrem Sohn nach einem mehrjährigen Kontaktabbruch war. Ein Desaster. Die Begegnung riss ihre Wunden auf. Sie habe ihren Sohn ein zweites Mal verloren, schrieb sie. Das tat mir so weh für sie – und für ihren Sohn.
Vermissen verändert sich
Die Sehnsucht nach einem Wiedersehen mit meinem Sohn ist mit den Jahren sanfter geworden. Ich denke täglich an ihn und bete für ihn – es sind Momente der Verbindung. Das wäre auch so, wenn er in Neuseeland wohnen würde. Manchmal stelle ich erstaunt fest, dass ich ihn nicht vermisse. Seine Abwesenheit steht heute mehr für die Tatsache, dass nicht alles im Leben erklärbar ist. Sie ist Ausdruck von etwas Unfassbarem. Das Weh fühlt sich mehr als Urschmerz und weniger als persönlichen Kummer an.
Und doch, wie schön wäre es, wenn mein Sohn wieder einmal in meinem Gärtchen neben mir auf der Bank sitzen würde, vielleicht schweigend, vielleicht redend ohne Ende…, wenn aus den Trümmern heraus etwas Neues gedeihen könnte. Das wäre ein wunderbares Geschenk.
Träumen sei erlaubt.
Der Tod trennt definitiv
Mein verstorbener Mann wird nie mehr physisch neben mir sitzen. Sein Tod bedeutet die definitive Trennung im Hier und Jetzt. Noch nach Monaten erschreckt mich der Gedanke daran. Das Vermissen ist noch frisch. Mir fehlt sein ganzes Wesen, und was wir gemeinsam waren und hatten.
Kürzlich, als ich heulend am Küchentisch sass, schien mir mein Mann zu sagen:
»Es ist gut. Ich bin da. Wir sind nun ohne die Mühen des Alltags und der Gebrechlichkeit zusammen.«
Das fühlte sich wie ein samtener Trost an.
Das Vermissen hat auch andere Gesichter. Es ist allgegenwärtig. Tränen fliessen zu jeder Zeit und Unzeit. Das Schöne ist: Sie dürfen sein. Fast scheint es mir, dass es einfacher ist, um einen toten Menschen als um einen lebenden Verlust zu trauern. Vielleicht ist es für Menschen auch einfacher, Mitgefühl zu zeigen. Der Tod ist so offensichtlich. Er ereilt Alle. Verstorbene kommen nicht zurück, jedenfalls nicht als Mensch, der sie waren. Ein Kontaktabbruch ist versteckt, der Trauerfall ist kompliziert, die Hoffnung stirbt selten.
Eine Beobachtung finde ich interessant. Durch die intensiven Gefühle über den Tod meines geliebten Mannes ist der Kontaktabbruch meines Sohnes in den Hintergrund gerückt. Ich denke weniger an ihn.
Gefühle kommen und gehen. Alles fliesst.
Adaptierte Version vom September 2023