Blind für Gottes Geheimnisse


In der Geschichte über die Heilung eines Blindgeborenen bei Johannes geht es zu Beginn um die Schuldfrage (9,1-3): »Unterwegs sah Jesus einen Mann, der seit seiner Geburt blind war. Da fragten ihn seine Jünger: Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst oder seine Eltern, sodass er blind geboren wurde? Jesus antwortete: Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern die Werke Gottes sollen an ihm offenbar werden.«
Die Antwort von Jesus übersteigt das Denken in Schuld und Strafe. Sie führt von diesem Muster weg und öffnet den Blick für etwas ganz Anderes. Ein Paradigmenwechsel!
Wer kennt nicht das Grübeln bei harten Schicksalsschlägen. Die unlösbare Schuldfrage kann selbstquälerisch sein und in eine düstere Sackgasse führen.
Jesus sagt uns, dass weder der Blinde noch seine Eltern die Sehbehinderung verursacht haben. Am Blindgeborenen werde sich Gottes Güte und Weisheit zeigen. Der blinde Mann hat diese Wahrheit erfahren. Er kann nun nicht nur einen Baum, sondern auch die Wahrheit hinter dem Heiler sehen. Er sieht mehr als üblich. Ihm hat sich Gottes Wahrheit erschlossen.

Was würde Jesus antworten, wenn ich ihn fragen würde: »Wer trägt Schuld am Kontaktabbruch des eigenen Kindes?« Würde er, ähnlich wie bei Johannes 9,3 sagen, dass sich daran die Werke Gottes zeigen. Und wenn ich weiterfragen würde: »Warum dauert es damit so lange?«
Gottes Zeit ist nicht unsere Zeit, seine Wege sind nicht unsere Wege. Wir sehen nicht durch die Mauern, die uns umgeben.

Blind für die Werke Gottes

Alle konnten erkennen, dass der Bettler sieht, aber nicht alle haben die Wahrheit dahinter gesehen. Nur der Blinde hat in seiner Heilung Gottes Werk erkannt, nicht die Pharisäer. Diese waren blind für Gottes Wirken.  
Bin auch ich blind, dass ich Gottes Handeln nicht sehe? Zwar erkenne ich, dass er mir durch den tiefen Schmerz über den Verlust eines Kindes hindurchgeholfen hat. Der Kontakt zu meinem Kind allerdings bleibt zerbrochen. Wie sehr wünsche ich mir diesbezüglich Gottes konkrete Hand! Sein Werk im Krieg in der Ukraine kann ich auch nicht erkennen, auch nicht in Afghanistan, wo Männer ihre Frauen prügeln dürfen, bis die Knochen brechen. Das ist schwer zu ertragen. Wie gerne würde ich erkennen, wie Gottes Weisheit und Liebe selbst im totalen Unfrieden gegenwärtig ist. Noch fehlt mir der Blick dafür. Mir bleiben der Glaube, dass nichts und niemand in die Leere, sondern in Gottes Hände fallen wird, und die Hoffnung auf seine immerwährende Gegenwart. Und manchmal kann ich einen Schimmer seines Lichtes erhaschen.

Bitte um einen neuen Blick


Blind bin ich, mein Gott,
zu wenig fröhlich
für den Jubel der Vögel am Morgen
nach einem erholsamen Schlaf.

Blind bin ich, mein Gott,
zu wenig dankbar
für deinen Segen im Licht
und deine Frische im Regen.

Ich sehe den Mangel,
für die Fülle bin ich blind.
Hinter den Vorhang möchte ich blicken,
sehen, was du mir zeigen willst.

Öffne meine Augen für deine Geheimnisse.
Schenke mir Geduld mit meiner Blindheit.
Schärfe meinen Blick für deine Werke
und deine Gegenwart im Hier und Jetzt.

Amen