Loslassen – Überlassen


»Lass ihn los!« Der, sicher gut gemeinte Ratschlag in Bezug auf den verlorenen Sohn hinterliess bei mir einen schalen Nachgeschmack, als hätte ich meine Hausaufgabe noch immer nicht zufriedenstellend erledigt. Lässt eine Mutter zu wenig los, wenn sie nach Jahren noch immer über den Kontaktabbruch ihres Kindes nachdenkt? Was ist eigentlich gemeint mit Loslassen? Wie geht das?

Facetten des Loslassens
Meine Söhne lernten in der Schule nur wenn sie mussten, selten aus Freude oder Neugier. Ich musste meine pädagogischen Ideale loslassen. Auch extrinsische Motivation führt zum Ziel. Beruflich schlugen beide eigene Wege ein. Ihre Lebensentwürfe freuten mich. Ich sah mich als Mutter, die nicht an Vorstellungen über ihre Kinder klebt. Wenn sie als Jugendliche nachts unterwegs waren, konnte ich ruhig schlafen. Ich vertraute ihnen. Sie hatten Wurzeln geschlagen liessen ihre Flügel wachsen. Mit dem schweren Suizidversuch des Jüngeren fing das Loslassen erst richtig an. Ich erkannte, dass ich gar keine andere Wahl hatte, als ihm sein Leben zu überlassen. Meine schreckliche Angst vor einem möglichen Verlust führte mir schmerzlich vor Augen, wie sehr ich an ihm hänge – ihn überhaupt nicht losgelassen habe.

Nun hat mein Sohn seine Mutter losgelassen. Radikal. Er meidet den Kontakt und verneint die Tatsache einer verwandtschaftlichen Bindung. Er lässt hinter sich, was ihm nicht guttut.

Und ich? In Loslassen bin ich nicht begabt. Nach dem Kontaktabbruch dachte ich mehr denn je an meinen Sohn. Noch Jahre nach seinem drastischen Schritt weinte ich deswegen, darüber sprechen wühlt mich noch immer auf. Wenn loslassen eines geliebten Kindes aber heisst, ihn seine Wege gehen lassen, seinen Schritt zu verzeihen, dann habe ich ein gutes Stück losgelassen, denke ich. Ich bin dankbar, dass er sein Leben meistert. Auch in der Distanz empfinde ich meine Liebe für ihn. Ich bleibe in der Hoffnung, dass Heilung möglich ist, irgendwie, irgendwann. Dafür bete ich jeden Tag. Beten hat mir zu mehr Gelassenheit und Ruhe verholfen. Nach der langen Phase einer grossen Unordnung in meinem Leben durfte das Vertrauen in das Leben erneut wachsen. Ich glaube, dass mein verlorener Sohn in Gottes Händen aufgehoben ist. Ich darf ihn Gott überlassen – und kann den Gedanken loslassen, dass ich ihn retten könnte und sollte.

Vorstellungen gehen lassen
Bei der Geburt trennt die Hebamme die Nabelschnur zwischen Mutter und Kind ein für alle Mal. In der Tiefe bleiben Mutter und Kind verbunden, selbst wenn davon wenig mehr sichtbar ist und die Wege sich längst getrennt haben. Wunderbar ist es, wenn Eltern am Leben des Kindes teilhaben können, erschreckend, wenn die eigenen Kinder einem fremd werden und sich entfernen. Doch auch ein erschüttertes Herz findet neue Ruhe und den Mut, das Leben neu zu sehen. Neue Aufgaben schenken neue Erfüllung. Indem ich einen geliebten Sohn gehen lassen musste, wandelten sich meine Vorstellungen über die Beziehung zu eigenen Kindern, über Mutterschaft und ein geglücktes Leben. Familienglück an Festtagen ist nicht mehr an die Anwesenheit aller Kinder gebunden. Weihnachten bleibt auch ohne den Besuch des verlorenen Sohnes das Fest der Liebe, des Friedens, der Hoffnung und Vergebung. Im Zusammensein mit lieben Menschen verliert sich die Traurigkeit – um unerwartet zurückzukommen, etwa am Geburtstag, wenn ich merke, wie sehr er fehlt, wie sehr er zu mir gehört.

Und wenn der Liebste gestorben ist…
Vor kurzem ist mein Mann in eine helle Welt hineingeboren worden, so glaube ich. Wir wissen es, Sterben gehört zum Leben. Wo er nun ist, bleibt ein Geheimnis. Seine körperliche Präsenz hat sich aufgelöst. Er ist nicht mehr da und fehlt mir unendlich. In der physischen Welt weine ich. Aber ich weiss, dass mein Liebster nicht in der Leere verschwunden ist. Dass auch er von Gott gehalten ist, schenkt mir Trost und Freude. Ich muss und darf ihn Gott überlassen, wo er schon immer hingehörte.
Aber sein sanftes, friedvolles, grundmenschliches, hoffnungsvolles Wesen möchte ich in mir weiterleben lassen, wie es das in vielen Menschen tut.
Nach der Abschiedsfeier sagte der Pfarrer nicht:
»Lass ihn los!«
Er sagte zu mir:
»Überlass ihn nun dem Herrgott!«

Wir dürfen ihm unsere Liebsten überlassen, ob sie noch hier sind, ob sie den Kontakt abgebrochen haben, oder hinüber gegangen sind. So gesehen ist loslassen keine Übung, schon gar kein Imperativ, sondern eine vertrauensvolle Haltung.

Dieser Beitrag ist eine adaptierte Fassung eines Textes vom 1. Dezember 2019.