
Umschlagbild von: Du wirst an dem Tag erwachsen, an dem du deinen Eltern verzeihst
Gérard Salem erzählt in seinem Briefroman mit dem Titel Du wirst an dem Tag erwachsen, an dem du deinen Eltern verzeihst von den Dynamiken in einer fiktiven Familie, wie sie in jeder Familie vorkommen könnten.
Boris, der Älteste hat allen Familienmitgliedern den Rücken zugekehrt. In einer grossen Lebenskrise nimmt er auf Anraten seines Therapeuten Yuri erneut Kontakt mit seinen Eltern auf. In seinem handgeschriebenen Brief gibt es viel Wut, beissende Vorwürfe und bittere Abwertungen über seine Eltern und Geschwister. »Ich war dazu berufen, euch zu enttäuschen, nicht wahr? Es war sozusagen vorherbestimmt. Und ihr habt es geahnt, ich konnte es euch von den Gesichtern ablesen, schon als Kind. Ich habe mich euren Erwartungen nie gewachsen gefühlt«, schreibt er seinem ersten Brief (E book, Pos. 79, erster Akt). Es sollte nicht dabei bleiben. Nun entfaltet sich ein intensiver Austausch zwischen Familienmitgliedern aus verschiedenen Generationen (Eltern, Geschwister, Tanten, Onkeln, Nichten, Neffen, Anverwandte). In handgeschriebenen Briefen (von Mails oder WhatsApp hat Yuri abgeraten) reflektieren sie ihre persönlichen Geschichten. Fehler werden an- und Liebeserklärungen ausgesprochen, Fragen aufgeworfen, Gefühle zugelassen. Die authentischen Worte über leid- und freudvolle Erfahrungen vermögen die verkrustete Familienkultur aufzutauen. Man geht aufeinander ein. Verzeihen ist eine Option. Noch gelingt nicht alles. Aber die Verzweiflung ist auszuhalten.
Bruch mit Familie als Befreiung?
Der erfahrene Therapeut Yuri weiss, dass in vielen Familien schmerzhafte Prozesse geschehen. Die Krise von Boris und seinem jüngeren Sohn nimmt er sehr ernst. Yuri ist sich sicher, dass es beiden besser geht, wenn Boris sich mit seiner Familie verbindet. Für den Therapeuten ist die Familie nicht nur ein Ort, wo Verletzungen geschehen, sondern auch Heilung möglich ist.
Er erzählt Boris ältester Schwester (Boris ist im Bilde über diesen Briefwechsel), dass er mit ihrem Bruder diskutiere, ob ein Bruch mit der Familie tatsächlich eine Befreiung bedeute oder nur für einen bestimmten Zeitraum befreiend wirke, und ob man dadurch nicht vielmehr ein neues Problem schaffe, anstatt ein altes zu lösen, egal, welchen Schmerz die Familie einem zugefügt habe (E book, Pos. 121, erster Akt)
Der Wert der Familie
Im fünften Akt (Position 1752) schreibt Boris an seinen Cousin Edward: »Und ich habe herausgefunden, dass der Bruch mit meinen Leuten keine Befreiung war, sondern dass ich in der Folge eigentlich immer verbitterter geworden bin.«
Im gleichen Brief denkt er über die Bedeutung der Familie nach. Sie sei eine Reservetruppe, die einem immer zur Verfügung stehe, der Ort, wo man seine ersten Beziehungen aufbaue und die Erfahrung mache zu lieben und geliebt zu werden. In der Familie lerne man Mitgefühl zu empfinden und Pflichten ohne Gegenleistung zu erfüllen. Und man erfahre, dass Liebe scheitern kann (1675). Für Boris war das Lernfeld Familie mitunter hart, destruktiv und schmerzbeladen. Aber es musste kein Eisfeld bleiben. Altes vergeht – Neues entsteht.
Im Epilog (Position 2040) entwickelt Sabine, Boris Nichte eine positive Zukunft ihrer Familie. Sie weiss, dass Beziehungen misslingen können und hält dennoch am Wert der Familie fest: »(…) die Familie hilft einem, Mensch zu bleiben und kein Roboter zu werden. Sie lehrt einen, dass die Beziehungen zu anderen etwas Kostbares sind und dass man diese Beziehungen pflegen muss«.
Darüber reden statt verstummen
Als Psychiater und Familientherapeut weiss Gérard Salem um die Intensität der Gefühle und die Verletzungen in Familien. Sein Briefroman beinhaltet Wissen über familiäre Prozesse und Lebensweisheit auf höchster Stufe. Radikales Verstummen kann höchst selten eine konstruktive Lösung sein, scheint er sagen zu wollen. Austausch vermag den Schmerz zwar nicht immer auszuräumen, kann aber den Weg zum Verzeihen ebnen. Im wahrhaftigen Reden (Schreiben) und Zuhören über Freundschaft, Liebe, Schuld. Schmerz und Wut werden Menschen erwachsener, freier und liebesfähiger. Verstehen und Reifen geschieht.
Gérard Salem (2020): Du wirst an dem Tag erwachsen, an dem du deinen Eltern verzeihst. Köln: DuMont Buchverlag GmbH. ISBN978-3-8321-6528-4
Rezension von Barbara Hoppe:
Es lebe der Briefroman! Gérard Salem „Du wirst an dem Tag erwachsen, an dem du deinen Eltern verzeihst“