Danken – eine positive Seelenkraft

Schmalblättriges Wollgras

 

Zwei Söhne, vierzig und beinahe achtunddreissig Jahre alt, waren mir lange Zeit ein bedeutendes Lebenselixier. Mit dem älteren stehe ich erfreulicherweise im Kontakt, mit dem jüngeren leider nicht. Auch zum erstgeborenen Sohn fühle ich Entfremdung, zum Jüngeren hingegen besteht die totale Entfernung. Der Ältere bleibt auch in der Distanz herzlich, der Jüngere ist vermutlich wütend oder gleichgültig. Das erahne ich aufgrund von zwei kurzen Mails, die er mir in den elf Jahren seines Schweigens geschickt hat.[1] Das war manchmal auch ganz anders. An gute Zeiten will ich mich immer wieder erinnern.

Kürzlich war ich mit der Familie des Älteren in einer wunderschönen Moorlandschaft wandern. Ein Geburtstagsgeschenk. Ich liebe den Anblick von Wollgras, wie es sanft im Wind hin und her wiegt, von verwitterten Tannen und stillem Wasser. Ich mag es, auf dem weichen Boden zu gehen, über schaurige Moorgeschichten zu reden und mich dabei sicher zu fühlen. Das Zusammensein war entspannt. Zu sehen, wie alle sich lieben, auch beim Zanken, macht glücklich. An den Grosskindern kann ich mich nicht satt sehen. Sie sind mir näher als ihr Vater und ihre Mutter. Ist das mein Sohn, frage ich mich manchmal ein bisschen erstaunt und belustigt. Auf den ersten Blick scheint er lediglich die Haarfarbe von mir zu haben – und vom Vater den Scheuermann. Doch es ist sehr gut wie es ist. Ich habe mir immer erhofft, dass meine Kinder ihr ureigenes Wesen entfalten werden.

Wieder daheim floss eine Welle grosser Dankbarkeit durch mich hindurch. Die Stunden lebendigen Zusammenseins in zauberhafter Landschaft haben mir angenehme Gefühle beschert.
Habe ich nicht auch Grund zur Dankbarkeit in Bezug auf meinen verlorenen Sohn, fragte ich mich. Auch er geht seinen Weg. Seine kranke Lunge sei geheilt, schrieb mir sein Vater, er liebe seine Arbeit, wohne schön und mache lange Spaziergänge. Seine Besuche seien gemütlich und interessant. Darüber, und dass er sich mit seiner Vulnerabilität auch in Corona Zeiten zurechtfindet, bin ich sehr dankbar. Vor noch nicht allzu langer Zeit überdeckten Enttäuschungen und Wünsche meine Dankgefühle. Doch: Dank ist eine positive und starke Empfindung. Kultivieren wir den Dank!

Danken im Loslassen

Es ist das Schicksal von uns Müttern und Vätern, dass die Kinder sich lösen. Jedes auf seine Weise, mal kaum merkbar, sanft oder eben ganz radikal. Haben wir uns nicht selbstständige Menschen vorgestellt, als wir sie vertrauensvoll in den ersten Ausgang entliessen? Und wenn sie dann gehen, immer weiter von uns weg, stehen wir da und verstehen so vieles nicht. Und haben manchmal Heimweh. Und müssen uns neu verstehen und unseren Weg neu finden, genau wie unsere Kinder. Dabei bleiben wir verbunden mit ihnen, seien sie nun an- oder abwesend. Immer können sie in unseren Gedanken sein. Wir können sie lieben. Und über vieles dankbar sein, ganz besonders über ihre Eigenständigkeit.

Eure Kinder sind nicht eure Kinder.

Khalil Gibran (arabischer Dichter, 1883-1931) schrieb zum Loslassen von Kindern im »Prophet« das bekannte, mich immer wieder neu berührende Gedicht.

Und eine Frau,
die einen Säugling an der Brust hielt,
sagte: Sprich uns von den Kindern.
Und er sagte:

Eure Kinder sind nicht eure Kinder.
Sie sind die Söhne und Töchter
der Sehnsucht des Lebens nach sich selber.

Sie kommen durch euch,
aber nicht von euch.
Und obwohl sie mit euch sind,
gehören sie euch doch nicht.
Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken.
Denn sie haben ihre eigenen Gedanken.
Ihr dürft ihren Körpern ein Haus geben, aber nicht ihren Seelen.

Denn ihre Seelen wohnen im Haus von morgen, das ihr nicht besuchen könnt,
nicht einmal in euren Träumen.
Ihr dürft euch bemühen, wie sie zu sein, aber versucht nicht, sie euch ähnlich zu machen.
Denn das Leben läuft nicht rückwärts, noch verweilt es im Gestern.
Ihr seid die Bogen, von dem eure Kinder als lebende Pfeile ausgeschickt werden.

Der Schütze sieht das Ziel auf dem Pfad der Unendlichkeit,
und Er spannt euch mit Seiner Macht, damit seine Pfeile schnell und weit fliegen.
Lasst euren Bogen von der Hand des Schützen auf Freude gerichtet sein;
Denn so wie Er den Pfeil liebt, der fliegt, so liebt Er auch den Bogen, der fest ist.

Khalil Gibran, Der Prophet, 1923

Im Gegensatz zum Dichter meine ich, dass Eltern ihren Kindern sehr wohl ihre Gedanken zeigen dürfen, ja sollen. Und ich frage mich: Braucht die Seele eines Kindes nicht besonderen Schutz – gerade in der heutigen Zeit, wo viele Kinder ziel- und kompetenzorientiert für die Zukunft getrimmt werden?
Machen Sie sich Ihre eigenen Gedanken, ganz im Sinne von Khalil Gibran.

 

 

 

 

 

[1] Interessierte können im Buch »Mother is deleted« mehr darüber nachlesen.

%d Bloggern gefällt das: