Was Scham uns sagen kann

Kinder nehmen im Leben von uns Eltern meist einen zentralen Platz ein. Wir lieben sie über alles und hoffen, dass sie ein gutes Leben haben werden. Und dann kann es geschehen, dass unser Kind für sein gutes Leben die totale Distanz zu uns braucht. Wenn das nicht am Selbstwert nagt?
Kehrt das eigene Kind einem den Rücken zu, ist die Frage nach dem eigenen Versagen nicht weit: «Was haben wir falsch gemacht – etwa gar alles»? Fehler möchten wir wieder gut machen, was aber nicht immer möglich ist. Unser Sohn oder unsere Tochter lehnt ja jeden Kontakt ab. Dann kann ein unangenehmes Gefühl unsere Seele umschleichen, das Gefühl wertlos zu sein, ungenügend, unwürdig, nicht richtig. Wir schämen uns. Vor uns selbst und vor anderen. Möglicherweise schämen wir uns auch für unser Kind, welches keinen anderen Weg einschlagen kann, als die Eltern aus dem Leben zu verbannen.

Scham ist leise aber mächtig, kann sich etwa daran zeigen, dass wir uns nichts gönnen, am liebsten daheim und den Familienfeiern fern bleiben. In schweren Lebenskrisen kann ein Rückzug hilfreich sein. Nur mit Menschen des Vertrauens über die eigene Situation zu sprechen, mag ein Zeichen von Sorgfalt mit sich selbst sein. Der Mensch braucht Schutz, wenn einer der bedeutungsvollsten Menschen im Leben für immer abgereist ist, sei es wortkarg oder mit Getöse.Wenn Scham ihre Krallen, oft langsam und unbemerkt, um unsere Seele legt, kann das krank, verbittert oder süchtig machen. Wollen wir das zulassen? Soll das verlorene Kind so viel Macht über uns erhalten. Soll es der Grund für unsere negativen Gefühle sein. Wollen wir ihm die Schuld dafür zuschieben, ihm so viel Macht geben? Wollen wir die Last auf unserem Herzen dem Kind zuschieben?

Schamgefühle zeigen an, wie verunsichert, verwundet und enttäuscht wir sind. Sie führen uns auch vor, wie wir persönlich mit der Abweisung durch unser Kind umgehen, was an sich wenig mit unserem Kind zu tun hat. Natürlich hat unsere Trauer mit dem Verlust zu tun. Ob wir darauf mit Verbitterung, Selbstmitleid, Zorn auf das Kind oder Scham reagieren, hat hingegen mehr mit uns zu tun. Das sollten wir verlassene Eltern uns eingestehen und die Gefühle über die eigene Wertlosigkeit nicht dem Kind zuschieben.

Scham kann uns möglicherweise weiterbringen, wenn wir uns eingestehen, dass der Verlust unseres Kindes uns in der tiefsten Tiefe trifft, verstört und durcheinander wirbelt. Wir können in dieser Situation einiges lernen, indem wir über die Eckpfeiler unseres Selbstwertes nachdenken und uns fragen: «Warum verbinde ich meinen Selbstwert so stark mit der gelebten Beziehung zu meinem erwachsenen Kind? Was bin ich auch noch, ausserhalb meiner Elternschaft? Was erfüllt mich und macht mir Freude? Was gibt meinem Leben Sinn»? Negative Selbstwertgefühle lassen sich überwinden. Coleman[1] schlägt zur Bewältigung von Schamgefühlen vor, sich bewusst auf Gutes bei sich und dem verlorenen Kind zu fokussieren. Hilfreich sei, wenn wir die Zuneigung von anderen Menschen zulassen, gut für uns sorgen und wenn nötig professionelle Hilfe beanspruchen. Das alles ist nicht einfach und braucht vor allem Zeit. Ich selber brauchte fast zehn Jahre, um diese Gedanken zu formulieren und mich leichter zu fühlen. Ich kann heute sagen, ein prekär gewordenes Leben kann – mit dem Verlust des geliebten Kindes – wieder erfüllt sein.
Es ist ein langer Weg ohne ein Ende in Sicht. Auf dieser Gratwanderung können wir weiterkommen, wenn wir lernen:

Mitgefühl für uns selbst entwickeln (mir eingestehen, es ist hart, dass mein Kind gegangen ist), hingegen nicht in Selbstmitleid verfallen (mich über meinen Unwert beklagen);

Die eigenen Fehler eingestehen (ja, ich war zu ängstlich, hatte wenig Vertrauen),
uns hingegen nicht durch Selbstkritik zerfleischen (ich habe alles falsch gemacht);

Mit ausgewählten Menschen austauschen (Vertrauen geben und schaffen);
und mich nicht völlig abschotten (aus Angst vor verletzenden Kommentaren);

Sich nicht selbst bestrafen (indem man sich Gutes versagt)
und Liebe von anderen und für andere zulassen;

Traurig sein über einen bedeutsamen Verlust (die Elternschaft ist nicht lebbar);
und Wertvolles im eigenen Leben entdecken.

Möglicherweise ist Platon’s Weisheit, wenn er sie denn nicht ganz anders gemeint hat, ein kleiner Trost:
          «Man schämt sich nur, wenn man liebt.»

[1] Joshua Colemann (2007): When Parents Hurt. Compassionate strategies when you and your grown child don’t get along. New York: HarperCollins Publishers, S. 77-94.

 

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