Leben ohne Antworten


Fragen fördern das Nachdenken und Debattieren, das Recherchieren und Forschen, das Problemverständnis, die Entwicklung. Sie führen uns in neue Welten. Eine beantwortete Frage löst eine neue aus. Ohne Fragen kein Lernen, mit Fragen endlose Entdeckungen. So gesehen dürfte es ein Leichtes sein, Fragen zu lieben, wie Rilke es in seinem Gedicht über die Geduld vorschlägt (vgl. unten).

Schwieriger ist es mit den ungelösten Fragen zu unseren Herzensproblemen. In meinem Fall geht es um das Warum des Kontaktabbruches meines Sohnes. Andere leben ohne Antworten zu Kinderlosigkeit, einem Verlust durch eine Katastrophe, einer unheilbaren Krankheit. Die Liste der unerklärlichen Ereignisse ist lang. Die Fragen sind endlos, schlüssige Antworten häufig nicht in Sicht. Wie können wir mit den seelischen Schmerzen über Ungelöstes im Herzen weiterleben, ohne zu verzweifeln?

Geduld haben

Im Gedicht Über die Geduld von Rainer Maria Rilke finden sich zwei geheimnisvolle Passagen zum Umgang mit Fragen ohne Antworten.

»(…)
Man muss Geduld haben
Mit dem Ungelösten im Herzen,
und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben,
(…)
Es handelt sich darum, alles zu leben.
Wenn man die Fragen lebt,
lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken,
eines fremden Tages
in die Antworten hinein.«

Auf Neues schauen

Nicht an Vergangenes denken, sich auf Neues ausrichten, welches Gott für uns bereit hält, schreibt der Poet und Prophet Jesaja im Kapitel 43 seinem geplagten Volk:
»18 Gedenkt nicht an das Frühere und achtet nicht auf das Vorige! 
19 Denn siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht?

Die Antworten Gott überlassen

Den Theologen und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer dürften in seiner Gefangenschaft viele Fragen gequält haben. Sein tiefer Glaube, dass Gott den Weg für ihn kennt, muss ihn getragen haben. Sein bekanntes Morgengebet, welches er für die Mitgefangenen verfasst hat, leitet die Gedanken vom Schweren und Ungelösten hin zum Guten; zu Licht, Vertrauen, innerem Frieden, Geduld – zu Gott, der den Weg kennt.

»(…) In mir ist es finster, aber bei dir ist Licht
ich bin einsam, aber du verläßt mich nicht
ich bin kleinmütig, aber bei dir ist Hilfe
ich bin unruhig, aber bei dir ist Frieden
in mir ist Bitterkeit, aber bei dir ist Geduld
ich verstehe deine Wege nicht,
aber du weißt den rechten Weg für mich. (…)« 1

Vom Warum zum Wozu

Erklärungen eines verstörenden Verhaltens oder unerklärlichen Ereignisses können den Schmerz lindern. Wenn man Ursachen benennen, Verursacher damit konfrontieren und zur Rechenschaft ziehen kann, lässt sich leichter inneren Frieden damit finden. Möglicherweise. So gesehen ist Wissen über ein verstörendes, unerklärliches Geschehen wichtig für die Zukunft.
Wie so viel bekomme auch ich keine Antworten auf das Warum. Inzwischen habe ich gelernt, meine Fragen neu auszurichten. Warum hat mein Sohn den Kontakt abgebrochen? ist nicht ganz vom Tisch. In den Vordergrund gerückt ist die Frage: Welche Bedeutung hat das Leid für meinem Leben?
Mein Leben hat Sinn auch ohne Kontakt zu meinem Sohn, habe ich erfahren. Wenn er mir auch immer wieder fehlt, so ist mein Leben dennoch erfüllt.
Nun meine Liebe für den verlorenen Sohn durch ihn blockiert ist, lerne ich ohne Erwartung zu lieben. Ich habe die Chance etwas Wahrhaftiges zu üben, die Liebe ohne Gegenliebe.
Und ich frage mich, für wen mein Leben Segen sein kann. Es gibt viele Menschen, denen meine Zuwendung guttut.

Tränen in Perlen verwandeln

In der Legende Muttertränen in Perlen verwandelt beweint eine Witwe ihr Töchterchen, welches in der Unstrut ertrunken ist. Eine Nixe bringt ihr das tote Kind zurück, damit sie es begraben kann, und schenkt ihr Perlen in einer goldenen Schale. »Es sind deine Tränen, die ich aufgefangen und in Perlen verwandelt habe«, sagt sie dazu.

Sören Kahl erzählt in seinem Gedicht Das Wunder der Perle wie sich in einer Muschel aus einem störenden Sandkorn nach langer Zeit eine Perle bildet (vgl. den Beitrag: Verwandelter Schmerz).
Die Perlmuschel ist ein Bild für die Verwandlung von Schmerz in etwas Wunderschönes und sehr Wertvolles. Der Schmerz über Ungelöstes im Herzen mag nie ganz vergehen aber sich wandeln. Bitterkeit muss nicht in Verbitterung münden. Neben Trauer kann neue Lebensfreude entstehen.

Die Seele vermag Schmerz in Kraft, Verzweiflung in Hoffnung und Aufregung in Ruhe zu verwandeln. Das Leben lässt uns neuen Sinn und neue Aufgaben finden – auch wenn Antworten auf Fragen fehlen. Vielleicht gehören ungelöste Fragen zum Leben?
Machen können wir vieles nicht, etwa unseren Schmerz in Perlen verwandeln oder in die Herzen unserer Kinder sehen. Aber wir dürfen auf Verwandlung und unverhoffte Antworten hoffen.
Alles ist Gnade.

Zum Segen werden

Gott! Hilf mir!
 
Lass mich für Andere Nächste sein.
Ich möchte Freude bringen.
 
Gib mir Verständnis für die Fremden nebenan.
Ich möchte sie begreifen.

Schenke mir ein Herz für Menschen in Not.
Ich möchte Geprüfte trösten.

Hilf mir, deine Wunder zu beschützen.
Ich möchte achtsam mit der Erde sein.

Lass mich Unbegreifliches ertragen.
Ich möchte geduldig sein,

und menschlich,
und zum Segen werden.