An einem späten Novembertag


Sie kämpft sich täglich, meist für wenige Stunden durch die Nebeldecke, die Sonne mit ihrem zunehmend fahleren Licht. Der Mangel an Tageslicht macht mich lahm und träge. Seit Tagen abgeschlagen, ständig fröstelnd, komme ich auch nach zehn Stunden Schlaf nur mühsam aus dem Bett. Der Novemberblues! Schon berechne ich die Tage, bis die Natur aus ihrem Winterschlaf erwachen wird. Ein weiteres Sehnsuchtsziel ist das Ende der Pandemie. Hoffentlich ist schon bald wieder der Besuch eines Symphoniekonzertes oder eines Museums ohne Maske möglich!
Diverse Ratgeber haben hilfreiche Tipps gegen das jährlich wiederkehrende Stimmungstief im November, dieses Jahr gepaart mit der Pandemiemüdigkeit: Sich bei Tageslicht bewegen, Vitamin D zuführen, fröhliche Kleider tragen, Freunde per Videochat treffen, beispielsweise. Der Psychologe Helmut Fuchs rät, sich gleich beim Erwachen zu fragen: »Worauf freue ich mich?« oder »Wem kann ich heute eine Freude machen?«

Und plötzlich habe ich Lust, die ungeahnten Möglichkeiten der langen Nächte und kurzen Tag zu entdecken. Ist die Stille der langen Nächte etwa kein Geschenk? Habe ich mir nicht schon immer weniger Aktionismus gewünscht? Wieso nicht Mozart hören oder in einem Weisheitsbuch lesen, statt Vergangenes oder Verpasstes beweinen? Wenn man allerdings antriebs- und einfallslos ist, lassen tötelige Traurigkeit oder bitteres Selbstmitleid nicht lange auf sich warten.

Melancholie ist ein Lebensausdruck, der in die Tiefe weist. Die kahlen Landschaften, das milchige Licht, das frühe Eindunkeln laden ein, wichtigen Fragen nachzugehen, die Tiefe von Musik zu erfahren, verpasstes Trauern nachzuholen. Vielleicht ist es die Zeit, in welcher wir unsere Beziehungen neu ordnen oder ein neues Verhältnis zum Übernatürlichen finden. Lassen wir uns durch den Novemberblues sanft verwandeln, vom unbekannten Gott berühren und in unbekannte Dimensionen tragen.

Gebet im Novemberblues

Gott –
die dunklen Tage lähmen,
legen sich wie Schatten auf die Seele.
Ihr fehlt das Licht vergangener Tage.
Das Leben fühlt sich sinnlos an.

Unsere Sorgen wiegen schwerer,
wir sehnen uns nach Leichtigkeit.
Melancholie scheint uns verkehrt,
niemand bleibt unversehrt.

Gott – sei bei uns –
wenn wir in dunklen Stunden
uns ganz nach innen richten
damit wir das Helle in uns erblicken.

Berühre leidgeprüfte Seelen milde,
behüte jeden schweren Schlaf,
öffne sanft die matten Augen,
für die Wunder jeder Zeit.

Amen

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