
»Ist euch nie der Gedanke gekommen, dass ich insgeheim hoffen könnte, ihr würdet mir hinterherlaufen?«
(Salem, 2020, E book, Pos 787)
Das Motto zum 3. Akt von Gérard Salems Briefroman Du wirst an dem Tag erwachsen, an dem du deinen Eltern verzeihst 1 (vgl. Beitrag: Kontaktabbruch – eine Befreiung) wirft die Frage auf, was ein Kind mit seinem totalen Schweigen den Eltern und Geschwister sagen will. In Salems Familienroman hat das Schweigen im Schreiben ein Ende gefunden. Im erwähnten Kapitel antwortet der Vater als Letzter seinem Sohn Boris auf dessen Brief nach sieben Jahren Kontaktstille zur Familie. Er geht auf die Einsamkeit und Gefühle seines Sohnes ein und erzählt von eigenen Enttäuschungen mit seinem Vater, also Boris Grossvater. Lionel, der Vater entblösst sein Herz vor seinem Sohn und scheibt ihm: Ich liebe dich, Dein Vater. (Salem, 2020, E book, Pos. 849).
Dem schweigenden Kind hinterherlaufen
Auch ich habe mich vor 16 Jahren gefragt, ob sich hinter dem Kontaktabbruch meines Sohnes der Wunsch nach mehr Aufmerksamkeit versteckt. Und ich bin ihm hinterhergelaufen, habe ihm geschrieben, zum Geburtstag Geschenke vor die Türe gelegt, zu Weihnachten welche geschickt. Meine Aktionen hatten nicht die erhoffte Wirkung. Hätte sich hinter dem Kontaktabbruch der Wunsch versteckt, umworben zu werden, wäre ich ihm nicht genug hinterhergelaufen.
Wie können wir wissen, was ein Kind seinen Eltern mit seiner schweigenden Abwendung sagen möchte. Nach sechszehn Jahren Kontaktabbruch bin ich so klug (oder dumm) wie zuvor – mehr als Vermutungen habe ich nicht. Und die Erfahrung, dass Schweigen sehr laut sein kann.
Kontaktabbruch deuten
Ein Kontaktabbruch kann die Reaktion auf einen erlebten Mangel sein. Dem Kind mag es an Verständnis, Liebe, Respekt, Wertschätzung, Geduld, Vertrauen, Freiraum gefehlt haben. Es fühlte sich möglicherweise nicht gesehen, allein gelassen, hat nicht erhalten, was es gebraucht hat. Es ist abgrundtief enttäuscht.
Vielleicht ist der Grund ein Zu viel: Die Eltern hatten zu viel Angst, zu viele Sorgen, zu viele (falsche) Erwartungen an das Kind, zu viel Streit.
Schweigen kann Ausdruck von Unvermögen sein. Möglicherweise kann das Kind nicht formulieren, was mit ihm ist. Oder es hat die Hoffnung auf Verständnis, Freiheit und Harmonie in der Familie aufgegeben. Fortgehen ist der einzige Weg in ein besseres Leben.
Hinter dem Nein zur Familie kann sich der Wille für ein eigenes, selbstbestimmtes Lebens verbergen, ein Schutz vor Kränkungen und Erwartungen, die Wahl von Frieden statt Abwertung oder Streit.
Und nun? Wie können die Zurückbleibenden ohne Worte je wissen, ob die Davonlaufenden hinterhergelaufen werden möchten?
Das Herumstochern im Sumpf von Erklärungen für den Verlust des Kindes hat etwas Masochistisches, sagt mein Mann.
(K)ein Ende des unsäglichen Schweigens
Der Macht (und Ohnmacht?) der Schweigenden steht die Ohnmacht der Angeschwiegenen gegenüber.
Man steht wie ein Esel am Berg. Nur mit dem Ende des Schweigens könnte dieses heillose Herumstochern in Vermutungen aufhören.
Das Schweigen friert die Beziehung zwischen Kind und Eltern ein. Individuelle Therapien können zwar helfen, das eigene Leid zu begreifen. An den Beziehungen zwischen Kind und Eltern ändern sie nichts. Dazu braucht es von beiden Seiten ein Ja: Ja, ich will mich erklären. Ja, ich will zuhören. Ja ich will verstehen. Ja, ich will mich dir zuwenden.
In vielen Familien bleibt die Eiszeit bestehen. Eltern bleiben auf Vermutungen sitzen. Und die Kinder – wir wissen es nicht.
Wenn wir keine Antworten zu unseren Fragen bekommen, brauchen wir eine neue Haltung dazu (mehr dazu im folgenden Beitrag). Eine Anregung dazu habe ich überraschend heute von einer Brieffreundin (auch sie wurde von ihrem Sohn verlassen) erhalten.
Eine ziemliche Herausforderung, hat sie zu diesem Ausschnitt aus dem Gedicht von Rilke geschrieben.
„… Man muss Geduld haben
Mit dem Ungelösten im Herzen,
und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben, …“
Ganzes Gedicht untenstehend
Über die Geduld
Man muss den Dingen
die eigene, stille
ungestörte Entwicklung lassen,
die tief von innen kommt
und durch nichts gedrängt
oder beschleunigt werden kann,
alles ist austragen – und
dann gebären…
Reifen wie der Baum,
der seine Säfte nicht drängt
und getrost in den Stürmen des Frühlings steht,
ohne Angst,
dass dahinter kein Sommer
kommen könnte.
Er kommt doch!
Aber er kommt nur zu den Geduldigen,
die da sind, als ob die Ewigkeit
vor ihnen läge,
so sorglos, still und weit…
Man muss Geduld haben
Mit dem Ungelösten im Herzen,
und versuchen, die Fragen selber lieb zu haben,
wie verschlossene Stuben,
und wie Bücher, die in einer sehr fremden Sprache
geschrieben sind.
Es handelt sich darum, alles zu leben.
Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich,
ohne es zu merken,
eines fremden Tages
in die Antworten hinein.
Rainer Maria Rilke, Viareggio bei Pisa (Italien), am 23. April 1903
Rainer Maria Rilke | Über die Geduld (gelesen am 21.1.2026)
1 Gérard Salem (2020): Du wirst an dem Tag erwachsen, an dem du deinen Eltern verzeihst. Köln: DuMont Buchverlag GmbH.
ISBN978-3-8321-6528-4