Eine neue Teetasse

Vorgestern habe ich mir eine neue Teetasse gekauft.
Viele Jahren trank ich meinen Tee aus einer Tasse aus Malaysia, einem Geschenk meines verlorenen Sohnes aus der Zeit, als alles gut war. So schien es mir. Er hatte sein Praktikum in Malaysia absolviert, mich, sehr zu meinem Erstaunen, ab und zu angerufen und begeistert von seinen Erfahrungen erzählt. Zum Dank für das Erledigen der Post während seiner Abwesenheit brachte er mir eine Teetasse und feinen Tee mit.
Sie stand immer griffbereit im Schrank, täglich hielt ich sie mehrmals in meinen Händen – und damit vielleicht ein Stück von ihm. Sie erinnerte mich an die 28 Jahre meines Lebens mit einem Sohn, der sich nun für die die radikale Abkehr von seiner Mutter entschlossen hat. Der tägliche Gebrauch seiner Tasse, sie sieht noch wie neu aus, ist ein Ausdruck davon, wie stark ich mit ihm verbunden bin, wie ich einen Zipfel von ihm festhalten möchte. Vor dem Einschlafen denke ich an ihn und beim Erwachen. In meinen Gebeten nahm er noch bis vor kurzem immer den ersten Platz ein.
Nun ist die mir kostbare Tasse aus Malaysia im Kasten nach hinten gerutscht.
Der Platz, den der grösste Bruch in meinem Leben einnimmt, hat sich verändert. Ich habe mehr Distanz zu meinem verlorenen Sohn und zur abstrusen Geschichte des Verlusts gewonnen, stelle fest, dass in meinen Gebeten anderes und andere den ersten Platz einnehmen. Jetzt, während ich darüber schreibe, kommt die Traurigkeit wieder hoch. Macht nichts. Sie ist erträglich. Ich bin froh, dass wehmütige oder angstvolle Gedanken mein Innenleben weniger beherrschen. An seinem Geburtstag beschenke ich jemanden, der Zuwendung braucht. Das macht fröhlich und frei. Und meine neue Teetasse gefällt mir extrem gut.

Allen verlassenen Müttern und Vätern möchte ich sagen:
Schauen wir der Tatsache mutig ins Auge, dass unsere Lieblinge uns ausser Reichweite haben wollen. Lassen wir gehen, was gehen will. Legen wir beiseite, was eh vergangen ist. Lassen wir zu, dass der Schmerz sanfter wird und die Tränen schneller versickern. Lernen wir, demütig auf den Kontakt mit dem Kind zu verzichten.  
Unsere Kinder sind gegangen. Gehen auch wir weiter, trinken wir unseren Tee aus einer neuen Tasse.
Denken wir in Liebe an unsere Kinder, das wollen wir uns nicht nehmen lassen.

%d Bloggern gefällt das: