»Dem Auge so fern, dem Herzen ewig nah!«

 

Diesen Gedanken entdeckte ich kürzlich auf einer Todesanzeige. Eltern ohne Kontakt zu ihrem Kind mögen ähnlich empfinden. Die physische Verbindung ist gekappt, die gefühlmässige bleibt. Einseitig? Als verlassene Mutter kann ich nur aus meiner Sicht sprechen. Der Gefühlshaushalt meines Sohnes ist mir verborgen. Manchmal frage ich mich, wie er das hinkriegt. Was auch immer in ihm vor sich gehen mag – oder eben nicht – mir bleibt er verbunden. Daran verändert die räumliche Distanz nichts.

Hoffen – Widerspruch zu Loslassen?

Realistisch gesehen darf ich im Falle meines Sohnes nicht mit einem Wiedersehen rechnen, darauf hoffen schon. Ein Widerspruch zu Loslassen?
Vor neun Monaten habe ich den Beitrag »Lass ihn los!« hier veröffentlicht (1.12.19). Heute denke ich etwas anders über diese oft gehörte Empfehlung für ein geglücktes Leben. Loslassen ist zeitgemäss. Ohne Loslassen kein inneres Wachstum – ist das so? In den vielen Anleitungen kann man beispielsweise lernen, in drei Schritten eine belastende Arbeitssituation, eine zerstörerische Freundschaft, ein Hobby nach einem Unfall hinter sich zu lassen. Als ob es einfach wäre, Gewohntes und Vertrautes aufzugeben! Neuanfänge wagen ist oft ein langwieriger, schwieriger Prozess. Doch irgendwann tun sich neue Türen auf. Die Neuerfindung seiner selbst gelingt. Man fühlt sich befreit von Altlasten. Das Leben geht erfrischt weiter. Das sind grossartige Erfahrungen.

Ein Kind los lassen ist etwas anderes. Auch nach dem Verlust eines Kindes geht es weiter. Die Lücke bleibt. Die tiefe Verbindung zum Kind begleitet einen lebenslang, die Wehmut vermutlich auch. Im besten Fall kann man das verlorene Kind ‘sein lassen’, wie Jack Kornfield, ein buddhistischer Meditationslehrer sagt: »Die Dinge loszulassen bedeutet nicht, sie loszuwerden. Sie loslassen bedeutet, dass man sie sein lässt.«[1]
Nun ist die Beziehung zu einem Kind eben kein Ding. Dass Kinder irgendwann und immer mehr ihre eigenen Wege gehen, ist der Lauf des Lebens. Eltern lassen sie sein. Im Idealfall bleiben sie im Kontakt, die Beziehungen verändern sich. Verlassenen Eltern ist das verwehrt. Ihnen bleibt höchstens die Hoffnung auf ein Wiedersehen. Ist Hoffen auf eine gelebte Beziehung vereinbar mit ‘sein lassen’?

Eine Brieffreundin – auch eine verlassene Mutter – fragt sich, ob wir überhaupt loslassen sollen. D. schreibt dazu: »Ob Hoffnung dem Loslassen widerspricht, das weiß ich nicht, aber Paulus sagt: ‘Freut euch in der Hoffnung, seid geduldig in der Bedrängnis, beharrlich im Gebet!’ (Röm 12,12)Ist eher ‘Nicht loslassen’ erstrebenswert, überlegt sie? D. jedenfalls gibt die Hoffnung auf positive Veränderungen in der Beziehung zu ihrem Kind nicht auf. Sie will dies keinesfalls als ein Klammern an Vergangenes sondern als Vertrauen auf Gottes Verheissungen verstanden wissen und zitiert dazu eine Klosterschwester: ‘Gott ist der Meister des Unmöglichen’.

Dem Herzen ewig nah

An vergangenen Zeiten werden wir niemals etwas ändern. Wir mögen Erfahrungen mit unseren Kindern neu deuten und unsere gemeinsamen Geschichten umschreiben. Das Grübeln lassen wir besser sein. Die Zeit kann den Trennungsschmerz lindern. Sie gehen ihren Weg. Wir erfahren, was es heisst: »Dem Auge so fern, dem Herzen ewig nah!«
Uns verlassenen Müttern und Vätern ist etwas widerfahren, womit wir nie ernsthaft gerechnet haben. Unsere Vorstellung von einer gelungenen Beziehung zu unseren Kindern wurde nicht erfüllt. Wir müssen unsere Ideale sein lassen. Das Erleben der Diskrepanz zwischen der physischen Trennung und der emotionalen Verbindung zu liebsten Menschen ist herausfordernd. Unsere Kinder bleiben unsere Kinder. In meinem Falle mündet diese Erfahrung weder in Vergessen noch in Gleichgültigkeit. Die Distanz nimmt zwar zu, die Liebe bleibt unverändert.

Die Hoffnung auf ein Wiedersehen – irgendwann – bleibt: »… für Gott ist nichts unmöglich.« (Lk 1,37) Daran halte ich mich. Diese Gewissheit beruhigt mich. Gott wird es richten, er wird es gut ordnen. Dass ich meinen verlorenen Sohn hinter mir lasse, keinen Schmerz mehr fühle, ihn ganz sein lasse, ist mir nicht das Mass einer gelungenen Ablösung. Ich weine weiterhin, ich hoffe weiterhin, ich bete weiterhin für ihn. Ich liebe ihn. In diesem Sinne bin ich mit ihm verbunden. Auf Gott hin lasse ich los – ich darf ihn ihm überlassen – auf Gott hin bleibe ich innigst verbunden. Ich wünsche ihm Gottes Segen.
Für alle Eltern-Kind-Beziehungen, besonders für jene, die einen unheilvollen Verlauf genommen haben, erbitte ich Gottes Segen.
Ob dem Auge fern oder nah – Gottes Segen überwölbt entfremdete Herzen.

 

 

 

 

  

[1] Jack Kornfield (2006): Offen wie der Himmel, weit wie das Meer, 1. Aufl. Berlin: Ullstein, S. 174. ISBN: 3548743021

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