An einem haltlosen Tag

Eiche – Symbol für Standfestigkeit
Foto: Unbekannt

 

Halten» scheint ein Lebensausdruck von uns Menschen zu sein. An Gebote, Verbote, Regeln muss sich vermutlich, ob reich oder arm, ob jung oder alt, jeder halten. Vieles «halten» wir manchmal für unnötig – und sind darob erschöpft.
«Das musst du jetzt einfach durchhalten», tönt es, wenn es schwierig ist. Oder der Ruf wird laut nach jemandem, der das Ganze «zusammenhält». Und wenn eine traurige Lebenslage unveränderbar erscheint, müssen wir das eben «aushalten».
Und: Wer möchte einen Menschen nicht von einem lebensbedrohenden Risiko «abhalten»? Wer neigt nicht dazu, liebe Menschen «auf zu zuhalten», wenn sie unserer Meinung nach unvernünftig durchstarten. Langweilt ein Kind sich, meinen die Mama oder der Papa, seinen Liebling «unterhalten» zu müssen. Wertvolles wollen wir «behalten», an Vertrautem «festhalten», gute Zeiten «anhalten», vor allem wenn Veränderungen unübersichtlich und bedrohlich werden. Manchmal «halten wir den Mund», wenn deutliche oder verständnisvolle Worte angesagt sind, oder wir «halten uns zurück» mit unseren Ideen, um nicht aufzufallen.
Es ist zweifellos notwendig und sinnvoll, sich an vernünftige Abmachungen zu halten. Sie machen ein friedvolles Zusammenleben überhaupt möglich. Und schwierige Situationen durch Worte, Taten und unser Dasein mitzutragen, ist in vielen Fällen ein Gebot der Stunde. Doch müssen wir so vieles «halten»?
Halten ist statisch, ein Kontrapunkt zur Bewegung. Sich in einer Sache verhalten, bedeutet oft Stillstand. Sich auf etwas einlassen bewirkt Bewegung. Halten kostet uns Kraft, zu viel halten kann Schmerzen verursachen.
Auch ich habe in meinem Leben viel gehalten und getragen, habe vieles an- und zurückgehalten. Wer nicht? Viele Jahre war ich mir sicher, mein Leben aus eigener Kraft im Griff haben zu können, war stolz, alles alleine zu schaffen, scheinbar. Damit überforderte ich mich zusehends und kam an meine Grenzen. Loslassen wäre die Alternative. «Wer loslässt hat die Hände frei», ist schon fast ein geflügeltes Wort. Ich übte mich auch darin, doch traute einem blinden Loslassen nie so ganz. Worauf hin lässt man denn los?

Der Psalmsänger des Wallfahrtsliedes (121; 1-8) hatte eine so eindeutige, wie klare Antwort. Er wusste sich von Gott gehalten:

«1 Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen.
Woher kommt mir Hilfe?
2 Meine Hilfe kommt vom Herrn,
der Himmel und Erde gemacht hat.
3 Er wird deinen Fuß nicht gleiten lassen,
und der dich behütet, schläft nicht.
4 Siehe, der Hüter Israels
schläft noch schlummert nicht.
5 Der Herr behütet dich;
der Herr ist dein Schatten über deiner rechten Hand,
6 dass dich des Tages die Sonne nicht steche
noch der Mond des Nachts.
7 Der Herr behüte dich vor allem Übel,
er behüte deine Seele.
8 Der Herr behüte deinen Ausgang und Eingang
von nun an bis in Ewigkeit!»

Mit dieser Gewissheit wagte der Poet, sich auf das Leben mit all seiner Dynamik und Veränderung, mit all seinen Höhen und Tiefen einzulassen. Die Ausrichtung auf Gott erübrigt unnötiges «Halten». Weil Gott auch uns hält und trägt, dürfen wir die Idee loslassen, wir müssten das Leben aus eigener Kraft meistern. Wir können damit aufhören, uns zu überfordern. Die freiwerdenden Kräfte können wir für anderes einsetzen.
In schwierigen Situationen wo wir meinen, «halten» zu müssen, dürfen wir vertrauen und Dasein. Wir können zuhören und gemeinsam überlegen, was zu tun sei. Manchmal ist es schwierig zu vertrauen. Wir wagen es nicht, uns Gottes Schutz und Fürsorge vorzustellen. Doch seine Hilfe ist seine Hilfe, manchmal anders als wir es uns wünschen. Unser Vorstellungsvermögen reicht da nicht hin.
Jeder Mensch erlebt in seinem Leben unzählige Male, dass Gott mit ihm ist. Meistens erkennen wir sein Wirken erst im Rückblick. Eigentlich müsste Vertrauen deshalb leicht sein.  Hören wir damit auf, uns dauernd zu sorgen. Lassen wir diese los – auf Gott hin. Lassen wir uns auf Gott ein. Ohne unsere Allmachtsphantasien kann er vermutlich besser zu uns kommen.
Ohne die klare Ausrichtung auf Gott kann unser Loslassen im Desaster enden. Wenn wir unser Alltagsmuster «Ich muss alles halten» ohne klare Ausrichtung loslassen, können wir rasch in einen Strudel von verwirrenden Gedanken, Gefühlen, Energien geraten.  Wenn wir haltlos darin herumgewirbelt werden, kann es sehr dunkel werden. Erheben wir unsere Augen zu Gott. Von ihm kommt Hilfe. Gott ist mächtig, er trägt uns, vermutlich mit Leichtigkeit, wenn wir ihn nur lassen. Mit ihm gewinnen wir neue Lebensfreude und -energie. An die Stelle von «festhalten» tritt die Erfahrung von «gehalten sein». An die Stelle von Anstrengung tritt Freiheit.

Bitte um «Gehalten sein»

Mein verstehender Gott,
ich möchte stark sein und bin selber schwach,
möchte halten und bin selber haltlos,
möchte helfen und bin selber hilflos,
möchte lieben und bin selber lieblos,
möchte lachen und bin so traurig,
möchte dich finden und sehe nur mich.

Mein starker Gott,
du hältst mich, wenn ich falle,
du tröstest mich, wenn ich leide,
du trägst mich, wenn ich loslasse,
du lächelst, wenn ich übermütig bin,
du begleitest mich, wenn ich aufbreche –
zu Dir hin, der du da bist.

Mein Gott, ich bitte dich,
befreie mich von unnötigen Bindungen an Irdisches,
befreie mich davon, mich selbst zu überschätzen,
befreie mich von zu engen Grenzen.
Halte mich in allen Lebenslagen.
Hilf mir, loslassen und dasein –
zu Dir hin, der du da bist.

Amen

Irina Bach, 1.4.2019

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