Warum nur?

Aus Enttäuschung und Not brechen Kinder manchmal den Kontakt zu ihren Eltern ab. Haben die Eltern zuviel falsch gemacht? Der Blick auf mögliche weitere Gründe kann das Leid von Kind und Eltern lindern. Doch das Unglück bleibt schmerzlich.

Irina Bach

Kinder mit Mangelerfahrungen
Kinder, welche ihre Eltern verlassen haben, erzählen in Psychotherapien, ihre Eltern hätten sie nicht verstanden. Sie fühlten sich zu wenig wahrgenommen, zu wenig geliebt. Eltern seien zwar physisch anwesend gewesen, hätten sich aber kaum auf sie bezogen. Kinder haben sich als unwichtig erfahren. Sie vermissten Nähe und dachten, dass mit ihnen etwas nicht in Ordnung sei.
Psychotherapeuten erklären, dass Kinder aus dieser Enttäuschung und Not heraus in späteren Jahren manchmal den Kontakt zu ihren Eltern abbrechen. Auslöser seien oft Umbrüche im Leben des Kindes, wie Auszug von Daheim, Berufseinstieg, Elternschaft. [1]
Eltern gelten als Hauptakteure des unglücklichen Geschehens, sie sind Täter. Das ist nachvollziehbar. Das soziale Umfeld (also beispielsweise Eltern) ist ein wichtiger Rahmen für die Entwicklung von Kindern. Das bestätigt jede Sozialisationstheorie. Im Austausch mit ihren nächsten Bezugspersonen bilden Menschen ihre Persönlichkeit. In diesem Ursprungsgefüge sind die Kinder in einer Position der Abhängigkeit und damit in einer schwachen Position, auch wenn sie sich manchmal wie kleine Tyrannen gebärden. In erster Linie sind sie aber ausgeliefert und bedürftig. Eltern schulden ihnen ohne Wenn und Aber Sorgfalt und Liebe.
In den Sozialisationstheorien spricht man aber auch von vielen unterschiedlichen Einflussfaktoren auf die Entwicklung und von deren Interdependenz. Die Frage darf gestellt werden, inwieweit neben den Eltern auch weitere Faktoren dazu beitragen, dass ein Kind keinen anderen Ausweg aus seiner Not sieht, als den Kontakt zu seinen Eltern abzubrechen? Und inwieweit trägt es, unverschuldet selbst zu dieser traurigen Entwicklung bei.

Eltern mit schwieriger Vergangenheit
Es seien oft Kinder von traumatisierten Eltern, welche den Kontakt zu ihnen abbrechen, erklärt der Psychotraumatologe Franz Ruppert. [2] Traumatisierte Eltern haben in ihrer Kindheit ein Defizit an Zuwendung erfahren oder mussten psychische oder physische Gewalt erleben. Deshalb fällt es ihnen schwer, Nähe zu den Kindern herzustellen. Kinder bedeuten für sie eine Überlebensstrategie. Anstatt sich mit den eigenen Problemen befassen zu müssen, können sie für ihre Kinder sorgen. Problematisch ist, wenn die eigenen Kinder die Eltern unbewusst an deren Trauma erinnern, beispielsweise an einen sexuellen Übergriff, an die erfahrene Verwahrlosung oder eine Abschiebung ins Heim. Daraus resultiere, dass die Eltern ihre Kinder beispielsweise auf Distanz halten oder ihnen mit Überfürsorge, ständiger Einmischung, mit Herabsetzung oder Gewalt begegnen. Betroffene Kinder leiden und können diesen Verstrickungen manchmal nur mittels totaler Distanz entrinnen.
Es liegt eine grosse Tragik darin, dass traumatisierte Eltern besonders gut für Kinder sorgen wollen, diese mit Allerlei eindecken, damit sie keinen materiellen Mangel leiden, ihnen aber keine emotionale Nähe geben können. Sie wollen ihre Kinder beschützen und engen sie ein. Sie geben – oft materiell – ihr Bestes und dennoch fühlen die Kinder sich verloren. Und irgendwann, spätestens wenn die Kinder auf immer Adieu sagen, gestehen die Eltern sich ein: «Es war nicht gut». Sie erkennen, dass sie an ihren Kindern schuldig geworden sind. Mehr oder weniger. Sie werden sich fragen, hätte ich anderes handeln können? Und wissen, sie hätten nicht. Das ist für Kinder wie Eltern extrem leidvoll.

Verschiedene Einflüsse?
Wie kommt es, dass das eine Kind den Kontakt zu den Eltern abbricht, die anderen nicht – dass eine emotional verwahrloste Tochter nach einigen Jahren der inneren Distanz zur Mutter im Laufe ihrer eigenen Mutterschaft Verständnis für sie entwickelt. Solche Beobachtungen lassen vermuten, dass nicht ausschliesslich das elterliche Erziehungsvermögen das Verhalten eines Kindes definiert.
Die nachfolgenden Überlegungen stellen das Wagnis dar, den Kontaktabbruch von Kindern mehrdimensional zu begreifen. Dahinter steht die Frage, ob dieser wirklich nur auf Erziehungsmängel der Eltern zurückzuführen sei, oder ob noch anderes mitspielt.
Michael Schmidt-Salomon (2019) sagt in der ersten Lektion seines Buches «Entspannt euch!», dass die Ursachen für unsere Qualitäten und Mängel, für Erfolge und Niederlagen nicht in unserem Selbst zu finden seien, sondern in einem chaotisch agierenden Netzwerk von Milliarden und Abermilliarden Faktoren. Die meisten kennen wir Menschen nicht, haben nicht nur keine Kontrolle darüber, sondern haben sie uns auch nicht ausgesucht. [3] Damit eröffnet sich ein weites Feld von oft unbekannten Einflüssen auf unser Handeln, was auch auf die Erziehungsmöglichkeiten von Eltern und auf das Verhalten der Kinder zutrifft.
Das entlastet, soll aber die Bedeutung von wichtigen Bezugspersonen für die Entwicklung der anvertrauten Kinder keinesfalls bagatellisieren. Das Wissen um die unzähligen Einflussfaktoren kann Schuldgefühle über Misslungenes oder Stolz über Gelungenes schon etwas relativieren. In der Verantwortung bleiben Eltern alleweil.
Wichtig: Die nachfolgenden Ausführungen stellen Möglichkeiten dar, also kein erhärtetes Wissen.

Psychische Ausstattung des Kindes
Jedes Kind ist mit seinem persönlichen Genmaterial ausgestattet. Von der Neuropsychologie wissen wir, dass das Gehirn laufend unzählige Informationen auf seine ganz eigene Weise aufnimmt, kombiniert, behält oder vergisst. Jedes Kind ist wie ein unverwechselbares Universum welches aus aus dem Erlebten seine ganz eigenen Schlüsse zieht.
Dies zeigt sich an Unterschieden, nicht nur bezüglich Augenfarbe oder Schönheit, sondern beispielsweise auch in Bezug auf psychische Verhaltensbereitschaften wie etwa die Frustrationstoleranz. Kinder können besser oder schlechter mit Enttäuschungen umgehen, können besser oder gar nicht verlieren, können besser oder gar nicht verzeihen. Kinder lassen sich unterschiedlich zufrieden stellen, das eine ist mit dem grössten, das andere mit dem schönsten Osterhasen, das andere mit gar keinem zufrieden. Kinder können sich unterschiedlich ausdrücken und holen sich dadurch mehr oder weniger Aufmerksamkeit.
Die inneren komplexen Prozesse, welche etwa einem Schweigen oder Weinen zugrunde liegen, entziehen sich zu einem grossen Teil der Wahrnehmung von aussen. Auch auf Nachfragen hin, können gewisse Kinder nicht sagen, was in ihnen vorgeht.
Kinder gehen mit Gegebenheit im Elternhaus unterschiedlich um und beeinflussen diese auf ihre Weise. Die Eltern wirken auf das Kind, das Kind wirkt auch auf die Eltern.

Platz in der Geschwisterreihe
Dass Kinder ein und derselben Familie diese gänzlich unterschiedlich erleben, kann auch mit deren Platz in der Geschwisterreihe zusammenhängen. Auch wenn die Forschung heute bestätigt, dass die Persönlichkeit als Erwachsene kaum damit zusammenhängt, wo das Kind in der Geburtenreihenfolge zwischen Geschwistern steht, [4] könnte der Platz in der Geschwistertenreihe beeinflussen, wie ein Kind sich in der Familie fühlt.
Jede Position hat ihre besonderen Chancen und Herausforderungen, welche jedes Kind wiederum, aufgrund seiner Individualität auf seine eigene Weise bewältigt.
Das Erstgeborene oder auch das Einzelkind beispielsweise bekommt ungeteilte Zuneigung. Sie erleben möglicherweise Überfürsorge und einengende Bindungen. Kommt ein zweites Kind, muss das Erstgeborene lernen, die Zuneigung der Eltern zu teilen. Das dürfte den nachfolgenden Kindern leichter als dem Erstgeborenen fallen. Das Zweitgeborene wiederum kann sich in vielem am älteren Geschwister orientieren, muss aber damit zurechtkommen, dass die Eltern sich möglicherweise mehr auf das Erstgeborene ausrichten, wodurch das Zweitgeborene sich weniger geliebt fühlen könnte. Wenn mehrere Geschwister da sind, kommen durch Vergleiche leicht Neidgefühle auf. Gewisse Kinder fühlen sich den anderen gegenüber benachteiligt, auch wenn Eltern sich gerecht verhalten wollen. Beim Buhlen um den Platz und die gegenseitige Anerkennung in der Familie lauern einige Verletzungsgefahren.

Beobachtete Konfliktlösungen
Wenn Kinder keine andere Lösung sehen, als den Kontakt abzubrechen, kann dies auch mit dem Konfliktlöseverhalten in der Familie in Zusammenhang gebracht werden. Wenn Eltern nicht konstruktiv streiten können, wenn sie sich scheiden lassen, ohne dass die Kinder jemals einen Streit bemerkt haben, könnten Kinder leicht daraus lernen, dass man Beziehungen ohne Begründung und kommunikationslos beenden kann; warum nicht «schmerzlos» und ohne grossen Aufwand mit einer SMS.

Werte der Zeit
Manch ein Kind mit einer schwierigen Beziehung zu den Eltern reflektiert heute seine Erfahrungen, benennt die Enttäuschungen und kommt dann, wohl nach reiflicher Überlegung zum Entschluss, dass Distanz der einzige Weg ist, sich von den Verstrickungen zu befreien. Es mag dies ein Akt der Autonomie sein, ein mutiger Schritt in die Freiheit.
Könnte es im Zeitalter des ökonomischen Denkens auch sein, dass gewisse Kinder ihre (ungeliebten) Eltern entlassen, wenn sie materiell unabhängig geworden sind, weil sie ihre Eltern nicht mehr brauchen, weil diese nichts mehr bringen, nur nervig sind? In der Wegwerfgesellschaft wirft man so einiges weg. Jeder ist sich selbst das Mass der Dinge. Niemand erwartet heute noch, dass die Eltern «geehrt sein müssen». Und man kann sich ja helfen. Über den Bruch hinweg hilft möglicherweise ein Psychologe, ein Sektenführer, eine Online-Community, ein Online-Game oder eine Weltreise.
Können Werthaltungen, wie Individualität, Autonomie, ökonomisches Denken oder Mobilität die Option unterstützen, sich in problematischen Situationen definitiv von Eltern zu trennen? Liegt es an mangelnder Wertschätzung dessen, was man hatte, am geringen Einfühlungsvermögen in Andere oder am raschen und unverbindlichen Informationsaustausch im Internet?
Verlassene Eltern stehen vor der Tatsache, dass ihre Möglichkeiten nicht genügten. Es hat nicht gereicht, den Kindern zu geben, was man ihnen geben konnte. Die Werte der Eltern sind nicht die Werte der Kinder. Diese legen am Ende ihrer Kindheit andere Massstäbe an die Erziehung an, als die Eltern es taten.

Unschuldig schuldig?
Glaubt man diversen Beiträgen zum Thema «verlassene Eltern», brechen zunehmend mehr Kinder den Kontakt zu ihren Eltern ab[5]. Gewisse Ursachen liegen auf der Hand, viele sind verborgen. Wir werden die Zusammenhänge zwischen den unzähligen Einflussfaktoren vorerst nicht begreifen. Erkenntnisse über Gründe mögen den Schmerz der Kinder und ihrer Eltern vielleicht etwas mildern. Doch wenn wir eine Antwort auf das grosse Warum bekommen, wirft diese Antwort mit Gewissheit wieder viele weitere Fragen auf. Was bleibt: «Das habe ich nicht gewollt». Und: «Ich konnte nicht anders». Und: ein grosses Leid.
Verlassene Eltern fühlen auf besonders intensive Weise die unlösbare Situation vieler naher Bezugspersonen: Unschuldig schuldig!

 

[1] Vgl. Interview von Irena Ristic mit Claudia  Haarmann: «Funkstille ist schlimmer als der schlimmste Streit».
https://www.fritzundfraenzi.ch/gesundheit/psychologie/funkstille-wenn-ein-kind-seine-eltern-verlasst?page=all (gelesen am 10.3.2019).

[2] Vgl. Franz Ruppert: «Kinder gehen, wenn Eltern traumatisiert sind».
https://www.suedkurier.de/ueberregional/panorama/Psychotraumatologe-Franz-Ruppert-ueber-verlassene-Eltern-Kinder-gehen-wenn-Eltern-traumatisiert-sind;art409965,10070879 (gelesen am 18.3.2019).

[3] Vgl. Michael Schmidt-Salomon (2019): Entspannt euch! Eine Philosophie der Gelassenheit. München: Piper.

[4] Vgl. Silke Kohlmann (2018). Der Geschwister-Mythos.
https://www.badische-zeitung.de/liebe-familie/der-geschwister-mythos–153658394.html (gelesen am 18.3.2019).

[5] Vgl. die im Beitrag erwähnten Quellen.

30. März 2019

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